Dass auch nur ein einziger Zahn über Jahre fehlt, sollte man nicht einfach als „ein bisschen weniger Kaukraft“ und einen kleinen Schönheitsverlust abtun.
Denn ein fehlender Zahn bleibt nicht nur „im Mund“ ein Thema: Er kann eine Kettenreaktion auslösen – von einer Schwächung des Kieferknochens über Veränderungen der Gesichtszüge bis hin zu veränderten Ess- und Verdauungsgewohnheiten und sogar Beschwerden, die mit der Körperhaltung zusammenhängen.
Und sogar unser Gehirn versucht, sich an die neue Situation anzupassen, indem es das Kauen umstellt – dieser Anpassungsprozess kann deutlich komplexer sein und länger dauern, als man denkt.
Zahnverlust: Mehr als nur ein Problem beim Kauen
Zahnverlust beeinflusst nicht nur das Kauen, sondern auch das Sprechen, die Fülle im unteren Gesichtsbereich, das ausgewogene Zusammenspiel des Kiefergelenks – und sogar, welche Lebensmittel wir am Ende überhaupt noch bevorzugen.
Mit der Zeit kann es passieren, dass man ganz unbewusst immer auf derselben Seite kaut, harte Speisen meidet oder bestimmte Muskeln schlicht weniger nutzt.
In einer wissenschaftlichen Studie, die Einzelzahnentfernungen begleitet hat, zeigte sich, dass die Breite des Kieferknochens in dem Bereich innerhalb von 12 Monaten nach der Extraktion um ungefähr 50 % abnahm.
Noch auffälliger: Rund zwei Drittel dieses Verlusts passierten bereits in den ersten 3 Monaten.
Heißt konkret: Knochenabbau ist nicht unbedingt ein langsamer Prozess, der sich gemächlich über Jahre zieht – die schnellsten Veränderungen passieren oft in den ersten Monaten. (1) (2)
Warum sich die Gesichtsform verändert: Lippen-/Wangenstütze und die Höhe des unteren Gesichts
Unsere Zähne sind nicht nur zum Kauen da – sie sind auch so etwas wie ein „inneres Stützsystem“ für den unteren Teil unseres Gesichts. Zähne und der sie umgebende Alveolarknochen stützen Lippen und Wangen von innen und helfen so, die Gesichtsform zu erhalten.
Je mehr Zahn- und Knochensubstanz verloren geht, desto eher kann die Lippenstütze nachlassen, rund um den Mund kann Volumen fehlen und die Höhe des unteren Gesichts kann sich verkürzen – und genau das kann einen müderen, älteren Ausdruck begünstigen.
Passend dazu berichtete eine im British Dental Journal veröffentlichte Studie, dass etwa 79,7 % von 96 Patientinnen und Patienten nach einer Behandlung mit erhöhter vertikaler Okklusionsdimension (Bisshöhe) angaben, anschließend jünger auszusehen.
In einer Bewertung durch eine unabhängige Jury wurde zudem bei etwa 81,2 % der Patientinnen und Patienten ein jüngeres Erscheinungsbild festgestellt, und die allgemeine Wahrnehmung wurde als „ungefähr 5–20 Jahre jünger“ beschrieben. (3)
Gibt es einen Zusammenhang zwischen Kiefergelenk und Nacken – und beeinflusst ein fehlender Zahn die Kopf /Nackenhaltung?
Zu sagen, dass Zahnverlust alleine eine Kiefergelenkerkrankung verursacht, wäre nicht korrekt.
Dieser Zusammenhang ist weiterhin umstritten, und ein klarer, starker Kausalitätsnachweis wurde bisher nicht erbracht.
Trotzdem gibt es wissenschaftliche Arbeiten, die zeigen, dass bei Menschen mit Kiefergelenkbeschwerden Nackenschmerzen und Muskelprobleme häufiger auftreten können.
Ähnlich ist es mit der These, dass ein Zusammenhang zwischen dem Biss (Zahnkontakt) und der allgemeinen Körperhaltung besteht: Auch wenn das immer wieder diskutiert wird, zeigen die bisherigen Daten, dass es keine einfache, einseitige Beziehung ist, sondern ein multifaktorielles und komplexes Zusammenspiel.
Deshalb sollte man vorsichtig sein, wenn Behauptungen, die noch nicht ausreichend wissenschaftlich belegt sind, als gesicherte Wahrheit präsentiert werden – Bewertungen sollten sich auf verlässliche, evidenzbasierte Forschung stützen.
Warum frühe Behandlung bei fehlenden Zähnen so wichtig ist
Nach einer Zahnentfernung zu sagen „Das mache ich später“ heißt oft, dass man sich für später größere Probleme einkauft.
Denn der Kieferknochen verändert sich besonders in den ersten Monaten schnell – und je mehr Zeit vergeht, desto anspruchsvoller kann die Behandlung werden.
Das bedeutet aber nicht automatisch, dass man am selben Tag unbedingt ein Implantat setzen lassen muss.
Jede Patientin und jeder Patient ist anders.
Wichtig ist, dass man schon vor der Extraktion oder direkt danach einen Plan macht.
Wenn nötig, können knochenerhaltende Maßnahmen durchgeführt werden – und die Behandlung kann zum passenden Zeitpunkt erfolgen.
Kurz gesagt: Weder übereilt handeln noch jahrelang warten ist der richtige Weg.
Am besten ist es, den Prozess bewusst und geplant zu steuern.
Quellen:
1- Tan, W. L., Wong, T. L. T., Wong, M. C. M., & Lang, N. P. (2012). A systematic review of post-extractional alveolar hard and soft tissue dimensional changes in humans. Clinical Oral Implants Research, 23(Suppl. 5), 1–21. https://doi.org/10.1111/j.1600-0501.2011.02375.x
2- Schropp, L., Wenzel, A., Kostopoulos, L., & Karring, T. (2003). Bone healing and soft tissue contour changes following single-tooth extraction: A clinical and radiographic 12-month prospective study. International Journal of Periodontics & Restorative Dentistry, 23(4), 313–323.
3- Mohindra, N., Bulman, J. The effect of increasing vertical dimension of occlusion on facial aesthetics. Br Dent J 192, 164–168 (2002). https://doi.org/10.1038/sj.bdj.4801324
